An vielen Texten und Bildern von Jung und über ihn nehmen wir Anteil an den Stationen seines Lebensweges – und an den Erfahrungen aus der Tiefe seiner Seele. In hohem Alter bemüht er sich, die Linie zu sehen, die durch sein Leben „in die Welt geführt“ hat „und aus der Welt wiederum“ herausführt.
Lässt sich eine Spur erkennen, wie der „Geist des Unbewussten“ sich in uns verwirklicht? Wie können wir unerwartetes Leid und schicksalshafte Einflüsse auffassen, die nicht der christlichen Vorstellung von einem guten vollkommenen Gott entsprechen? Anhand von Beispielen mit Träumen und Zeichnungen, von Bildern aus der Alchemie und dem Roten Buch gehe ich diesen Fragen nach.
In stillen Momenten steht mir das Wunder vor Augen: In der Dunkelheit des Unbewussten sind Bilder, Töne, Stimmen verborgen, die uns zu erreichen versuchen. Der Mensch sei das „Tor“, durch das die „Götter der Aussenwelt“ eintreten in die Innenwelt, „aus der größeren in die kleinere Welt.“ In alten Überlieferungen wird die Gottheit als ein „Lebensstrom“ aufgefasst, der Ereignisse bewirkt und unsern Willen, das Planen in Zeit und Raum unterbricht. Aus einem zeitlosen Fluss treten die Gegensätze ins Bewusstsein, die das lichte Gottesbild unserer christlichen Kultur erweitern. Das Individuum erlebt auch die dunkle unergründliche Seite Gottes und erfährt in seinem Werk Symbole der Einheit und der schöpferischen Erneuerung.
Menschwerdung bedeute „die Verwirklichung einer potentiell vorhandenen Realität“, schreibt Jung 1952 in hohem Alter in einem Brief an Wolfgang Pauli. Die Gottheit will sich in ihrer Ganzheit verwirklichen – im Menschen in seiner diesseitigen Realität.