Wenn sämtliche ärztlichen Künste versagten, wandten sich die Menschen in der Antike an den göttlichen Arzt. Am Beispiel des Kultes in Epidauros, wo nebst Asklepios auch Apollo angerufen wurde, werden wir im Vortrag dem Heilgott der Griechen nachspüren. Im Zentrum des Kultes stand der Tempelschlaf. Der Heilsuchende hatte sich durch Opfer- und andere Rituale sorgfältig darauf vorzubereiten. Zum gegebenen Zeitpunkt musste er sich in das dafür vorgesehene Gebäude, das Abaton, begeben und sich allein in Stille hinlegen, bis ihm in Traum oder Vision der Gott erschien und die wunde Stelle behandelte, einen Auftrag erteilte oder eine Therapie verschrieb. Am andern Morgen erwachte er, mit wenigen Ausnahmen, geheilt.
Die antike Auffassung, nach welcher Krankheit von Gott gesandt ist und nach dem alten Prinzip der Homöopathie auch einzig durch Gott geheilt werden kann, hat eine Wiederbelebung erfahren in C. G. Jungs wegweisender Erkenntnis, dass jede Krankheit und jede Neurose ihre eigene Heilung in sich trägt.
Wir werden im Vortrag von einigen epidaurischen Wundern hören und dabei sehen, dass es allem Anschein nach die numinose Begegnung mit der Gottheit war, welche die Heilung bewirkte. Aus Sicht der Tiefenpsychologie ist dies als psychische Ganzwerdung durch die Vereinigung des menschlichen und des göttlichen Prinzips zu verstehen. Ihr geht ein Abstieg des Menschen in die eigene seelische Dunkelheit und die oft schmerzliche Auseinandersetzung mit den konflikthaften Vorgängen im Bereich des Archetypischen voraus.
Dass dem Heilungsverlauf letztlich ein Wandlungsprozess im Unbewussten zugrunde liegt, sehe ich nicht zuletzt in der architektonischen Symbolik der Tholos gespiegelt, dem mandalaförmigen Rundbau mit seinem reichen Bilderschmuck im Oberbau und dem unterirdischem Labyrinth, wo vermutlich die heiligen Schlangen gehalten wurden. Diesem rätselhaften Gebäude soll eine nähere Betrachtung gewidmet werden. So wenig uns heute über dessen religiöse Funktion bekannt ist, so vielsagend ist die überlieferte Tatsache, dass dort Eros, «verlangende Liebe», und Methe, «Trunkenheit», als heilende seelische Mächte verehrt wurden.