| Añjali ist ein Sanskrit Wort, das in allen indischen Sprachen, aber auch im Nepalischen oft verwendet wird. Es bezeichnet eine Gebärde der Ehrerbietung gegenüber einer Gottheit oder einem Menschen. Im Wörterbuch wird die Añjali-Geste beschrieben als „die beiden hohl zusammengelegten Hände“. Das obige Bild zeigt, was damit gemeint ist. In meinem Vortrag möchte ich der Frage nachgehen, welches die symbolische Bedeutung dieser Gebärde sein könnte. Ich vermute, dass sich darin etwas vom Schöpfungsgeheimnis der Seele spiegelt. In der buddhistischen Bildtradition gilt die linke Hand als weiblich, die rechte als männlich; im Jung’schen Verständnis ist die Linke stärker mit dem Unbewussten, die Rechte mehr mit dem Bewusstsein verbunden. Wenn sich nun die beiden Hände behutsam aneinander legen, Fingerspitze auf Fingerspitze, berühren sich die Gegensätze. Es bildet sich ein Innenraum, in welchem Neues entstehen kann. Die Añjali-Gebärde wird zum Symbol für einen inneren Schöpfungsvorgang. Der indisch-nepalische Kulturraum ist reich an Bildern und Ritualen, welche diesen Moment zum Ausdruck bringen. Mir scheint, dass uns solche Schöpfungsvorgänge durch das ganze Leben begleiten. Den Individuationsweg verstehe ich als ein nie endendes Schöpfungsgeschehen, das vielleicht schon im Mutterleib beginnt und bis zum Tod andauern kann. Wir erleben uns in diesem Werdeprozess als Geschöpfe, aber wir sind stets auch Mit-Schöpfende. Im Zentrum meiner Ausführungen werden Begegnungen mit nepalischen und indischen Menschen stehen, die in der hinduistischen oder buddhistischen Geisteswelt verwurzelt sind. Sie haben mich am Reichtum ihrer Geschichten und Gebärden, ihrer Träume und Gebete teilnehmen lassen. Immer hatte ich dabei den Eindruck, dass es im religiösen Leben dieser Frauen und Männer um Individuationsschritte, das heisst um innere Schöpfungsmomente geht. Das hat mich beeindruckt, und davon möchte ich berichten. |
Añjali – die beiden hohl zusammengelegten Hände
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